8. November 2026
Fahnenmast gekapert, Kühlung gehackt. Seid ihr eigentlich alle offen?
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Gute Nachrichten: Europa ist vernetzt. Schlechte Nachrichten: Es können offenbar Leute mitspielen, die keiner eingeladen hat. Am Fahnenmast vor dem Reichstag wird umdekoriert, im Supermarkt an der Kühlung gedreht und beim französischen Blutspendedienst werden ebenfalls Kühlsteuerungen angegriffen. Drei verschiedene Fälle. Für die Verantwortlichen eine arbeitsreiche Woche. Für das Wort „sicher“ eine schwere Imagekrise.
Ich muss derweil für irgendein Kundenkonto beweisen, dass ich neun Ampeln erkenne. Vielleicht könnte man diese Aufnahmeprüfung gelegentlich auch auf Menschen anwenden, die an kritische Dinge heranwollen. Nur so ein Gedanke.
Beginnen wir beim Fahnenmast.
Laut Berliner Polizei tauschte am Sonntag ein 22-Jähriger am Mast vor dem Reichstag die Flagge der deutschen Einheit gegen eine palästinensische Flagge aus. Zwei Unterstützer wurden unten festgenommen. Nach ungefähr einer Stunde kam der Kletterer herunter. Wie er an den Mast gelangte und den Aufstieg beginnen konnte, erklärt die Mitteilung nicht.

Da hätte ich eine Anschlussfrage: WIE ZUR HÖLLE KOMMT DER DA HOCH? Und zwar bevor aus einem Menschen mit einer Idee ein Mensch mit einer Idee in erheblicher Höhe wird.
In meiner Vorstellung hat ein Sicherheitskonzept für die Gegend vor dem Parlament irgendwo ein Kapitel zwischen „Da steht jemand“ und „Der tauscht gerade die Fahne aus“. Vielleicht ist das die Seite, die beim Laminieren verloren ging.
Wenn er schon oben hängt, muss die Polizei ihn sicher herunterbekommen. Natürlich. Meine Frage betrifft den Aufstieg, nicht den Wunsch nach einer möglichst spektakulären Bergung. Wir müssen die Sicherheitslücke nicht noch um einen Absturz erweitern.
Und an den Kletterer: Ein politisches Anliegen macht aus einem Denkmal noch lange keine mietfreie Werbefläche. Wer Aufmerksamkeit mit einer überzeugenden Aktion verwechselt, kann auch im Kino den Feueralarm auslösen und sich anschließend über die rege Beteiligung freuen.
Weiter zum Supermarkt. Hacker manipulieren Kühlanlagen, Lebensmittel landen im Müll. Ich wollte wissen, ob der Käse im Angebot ist. Nicht, ob er den Cyberangriff überlebt hat.
Währenddessen werden in europäischen Supermärkten Kühlsteuerungen manipuliert. Auch deutsche Märkte sind betroffen, große Mengen Lebensmittel müssen entsorgt werden. Der Wocheneinkauf als unfreiwilliger Praxistest für IT-Sicherheit.

Herzlichen Glückwunsch zur Digitalisierung. Die Kühltheke kann jetzt aus der Ferne verwaltet werden. Leider haben sich auch Menschen für diese Stelle beworben, die niemand einstellen wollte.
Ich wollte Emmentaler. Ich bekam eine Sicherheitsdebatte mit Löchern. Da soll noch einer sagen, der Einzelhandel biete kein Einkaufserlebnis.
Ein Kühlschrank hat einen sehr überschaubaren Auftrag. Kalt machen. Wir reden hier nicht über eine Maschine, die nebenbei Gedichte schreiben und die Rentenreform lösen soll. Kalt. Wenn Fremde daran herumstellen können, hätte ich gern eine Erklärung, die ohne das Wort „innovativ“ auskommt.
Und dann hört der Spaß mit dem Käse auf.
Und dann der französische Blutspendedienst: Über den Angriff auf einen Kühltechnikdienstleister waren Steuerungen an drei Lagerstandorten für Plasma und Blutproben betroffen. Alarme schlugen an, Beschäftigte sicherten oder verlagerten Bestände. Laut Blutspendedienst gingen keine Blutprodukte verloren; gesundheitliche Folgen wurden nicht festgestellt.
Gut, dass die Alarme funktionierten. Gut, dass die Beschäftigten rechtzeitig handelten. Denen gehört der Dank. Und zwar gern auch in der altmodischen Form von ausreichend Personal und Geld.
Aber damit ist die Frage nach dem Zugang nicht erledigt. Wenn der Rauchmelder die Wohnung rettet, interessiert mich trotzdem, warum vorher jemand in der Küche Feuer legen konnte. Ich rahme nicht einfach den Rauchmelder ein und erkläre das Haus für ein Erfolgsmodell.
Das sind verschiedene Vorfälle mit unterschiedlichen Schutzanforderungen. Daraus folgt weder ein gemeinsamer Täter noch dieselbe Schwachstelle. Der rote Faden ist meine rapide sinkende Begeisterung für das Versprechen, irgendwer werde das Wichtige schon im Griff haben.
Denn danach beginnt zuverlässig die sprachliche Gefahrenabwehr. Der Vorfall wird ernst genommen. Die Lage wird bewertet. Die Abläufe werden überprüft. Manchmal wünsche ich mir, die Angreifer müssten vor ihrer Aktion erst genauso viele Verben abarbeiten.
In einer frei erfundenen deutschen Krisensitzung sähe die Lösung vermutlich so aus: Arbeitskreis Zugangssicherung. Untergruppe Kühlwesen. Ergebnisvorlage im dritten Quartal. Bis dahin bekommt der Käse eine Warnweste.
Was ich stattdessen gern hätte: Wer durfte woran? Wer konnte trotzdem dran? Was hat funktioniert? Was wird geändert? Und wer ist dafür verantwortlich? Bitte eine Person mit Entscheidungsbefugnis, keine PowerPoint-Folie mit sieben Pfeilen auf einen externen Dienstleister.
Sicherheit kostet Geld. Stimmt. Weggeworfene Lebensmittel kosten auch Geld. Notfalleinsätze ebenso. Und bei Blutprodukten möchte ich gar nicht erst darüber diskutieren, wie teuer es werden darf, bevor man etwas schützt.
Fahnenmast, Lebensmittel, Blutplasma. Völlig unterschiedliche Tragweiten. Aber überall sollte man erklären können, wie unbefugter Zugriff verhindert wird. „Bisher meistens gut gegangen“ ist dafür eine ausgesprochen beschissene Leistungsbeschreibung.
Ich brauche keine Garantie gegen jeden denkbaren Vorfall. Ich brauche einen besseren Plan als die Hoffnung, dass die nächsten Arschlöcher gerade keine Zeit haben. Hoffnung kann man haben. Als Sicherheitskonzept sollte sie keine Rechnung stellen dürfen.

Der saure Gedanke
„Die Sicherheitslage ist stabil. Nur mein Vertrauen liegt inzwischen im Kühlfach. Hoffentlich im richtigen.“
Kommentar und Satire. Quellen: Berliner Polizei, 8. November 2026; Tagesschau zu den Supermarktkühlungen; DW zum Angriff auf den französischen Blutspendedienst.

